Freizeitindustrie expandiert !

Hofgut, Reitsportanlage, Waldschlösschen, Hotelkomplex Mengehof ... es geht immer weiter ...



Leben und Wohnen in Dagobertshausen – eine Neben- oder Hauptsache?

Gibt man in die Suchmaschine von Google den Begriff 'Dagobertshausen' ein, präsentieren sich die ansässigen Gewerbebetriebe – Hofgut, Reitsportanlage, Waldschlösschen, neuerdings mit Iglu Erlebnis usw. – äußerst umfangreich und werbewirksam. Es kann und darf gefeiert werden, „ausgelassen“, durchgängig und in nahezu unbegrenzten Dimensionen. 

Dass hier auch rund 350 Menschen leben, scheint im Bewusstsein der digitalen und kommerziellen Werbe-Welt keine Rolle zu spielen. Die Einwohner kommen nicht vor auf den Internetseiten, so als gäbe es sie gar nicht. So entsteht der Eindruck, als handele es sich bei dem Ort mit dem lustigen Namen einfach nur um einen riesigen Freizeitpark.

 

Wie in keinem anderen Stadtteil von Marburg wurden in Dagobertshausen in den zurückliegenden Jahren kulturhistorisch bedeutsame Liegenschaften und wertvollste Ackerflächen in Gewerbetriebe für den ländlich orientierten Massenkonsum mit angeschlossenen Parkflächen verwandelt. Immer wieder haben die Betriebe bzw. die dahinterstehenden Gesellschafter dabei einfach Fakten geschaffen, indem zum Beispiel Abrisse, Aufschüttungen und Umbauten an denkmalgeschützten Gebäuden ohne Bauantrag und Genehmigung vorgenommen wurden. Die dabei angefallenen erheblichen Bußgelder der zuständigen Behörden wurden anscheinend billigend in Kauf genommen, weil ihre Größenordnungen zwar durchaus beträchtlich waren, nicht aber im Verhältnis zur Finanzkraft der Investoren. Auf dieser Weise wurden „Fakten“ geschaffen, die dann regelmäßig durch nachträglich eingereichte Bauanträge und/oder die Zahlung von Bußgeldern, ordnungsrechtlich „geheilt“ wurden. 

 

In der politischen Welt von Marburg drehte sich lange Zeit fast alles ausschließlich um diese Freizeitindustrie*, wenn das Thema einmal auf den kleinen Stadtteil kam. So konnte der Eindruck entstehen, dass die Entscheider aus Politik und Verwaltung über Jahre hinweg eine Expansion der örtlichen Freizeitindustrie nicht nur bedenken- und planlos zugelassen, sondern auch bewusst befördert haben. Bedenken haben die zuständigen Stadträte immer zurückgewiesen. Einwände seitens der Aufsichtsbehörde (Regierungspräsidium) gab zwischenzeitlich zwar, aber auch diese wurden entweder vor der Macht des Faktischen oder aus „übergeordneten“ Gründen zurückgestellt. Eine Stadt(teil)Entwicklung, die die Bedürfnisse der Wohnbevölkerung berücksichtigt hätte, hat es nie gegeben, stattdessen hat man die Investoren einfach mal machen lassen.

* Was ist eigentlich eine Freizeitindustrie? Nach Wikipedia bedeutet Freizeitindustrie: Industriezweig, der besonders die Bedürfnisse der Menschen in ihrer Freizeit befriedigt. Mit Freizeitindustrie als Substantiv wird auch der Wirtschaftszweig benannt, der Waren und Dienstleistungen für die Gestaltung der Freizeit produziert. Der Industrie-Begriff suggeriert dabei, dass diese Güter massenhaft bzw. für die Massen produziert werden. Zusammengefasst mit dem Begriff Tourismus bedeutet Freizeitindustrie auch: Mehr Müll und mehr Wasserverbrauch und die Schaffung einer Monokultur, in der es zum großen Teil schlecht bezahlte Jobs für Geringqualifizierte gibt.



Dagobertshausen: Der Wandel in knapp 10 Jahren (2010 bis 2019)

In knapp zehn Jahren wurde der Ort explosionsartig zu einer Art "Event-Location" verändert und ein Ende ist nicht in Sicht: Als nächstes soll der ehemalige Mengel-Hof im Ort in einen überdimensionierten Hotel-, Konferenz- und Restaurant-Komplex umgewandelt werden. Die Nutzung dieses Komplexes für weiteren Event und Party-Betrieb ist laut Bauantrag nicht ausgeschlossen. 

 

Schon jetzt umfasst das Gebiet der Gewerbebetriebe samt Parkplätzen in Dagobertshausen mehr als ein Drittel des Wohnortes (siehe u.a. Bilder) – Tendenz: Expansiv steigend! Die Betriebe dieser einzelnen Investorenfamilie expandieren somit auch flächenmäßig. Erkennbar geworden ist der Versuch, weitere freiwerdende Immobilien und Flächen aufzukaufen. Würden auch noch weitere größere Liegenschaften im Ortskern aufgekauft, wäre nach den bisherigen Erfahrungen alles denkbar: Hauptsache es rentiert sich. Das alles natürlich nachhaltig, idyllisch und familiär - wie in den Hoch-Glanz-Prospekten und auf den Internetseiten der Betreiber heißt. Vorstellbar wäre dann eben auch, die Fortsetzung eines Alptraums.